Ein Buch Von Alten Fasern - Erweiterte Auflage 2006 Teil 2

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I. Ottich [ed.]: Ein Buch von alten Fasern. 2. erweiterte Auflage, 2006. 72 3. Die tierischen Fasern Die Fasern unterschiedlichster Tiergruppen können verwendet werden. Dabei gibt es prinzipiell zwei Möglichkeiten: Entweder sind die Fasern das Haarkleid der Tiere, also ihr Fell, oder es handelt sich um Ausscheidungen spezieller Drüsen. Die Felltiere gehören allesamt zur Klasse der Säugetiere und haben einen natürlichen Fellwechsel, der ein- oder zweimal im Jahr statt fin
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  I. Ottich [ed.]: Ein Buch von alten Fasern. 2. erweiterte Auflage, 2006. 72 3. Die tierischen Fasern Die Fasern unterschiedlichster Tiergruppen können verwendet werden. Dabei gibt es prinzipiell zwei Möglichkeiten: Entweder sind die Fasern das Haarkleid der Tiere, also ihr Fell, oder es handelt sich um Ausscheidungen spezieller Drüsen. Die Felltiere gehören allesamt zur Klasse der Säugetiere und haben einen natürlichen Fellwechsel, der ein- oder zweimal im Jahr statt findet und den sich auch viele Haustiere erhalten haben (oft zum Leidwesen ihrer „Besitzer“). Auch urtümliche Schafrassen wie das Soay verlieren ihre Wolle noch von selbst. Will man diese Fasern verarbeiten, muss man sie mühsam zusammen suchen oder im Falle von Haustieren, sein Tier während des Fellwechsels ständig bürsten und die kleinen Portionen zusammen tragen. Der Mensch hat deswegen bei der Selektion der Schafrassen wert darauf gelegt, den natürlichen Fellwechsel zu unterbinden. Die meisten modernen Schafrassen sind deshalb darauf angewiesen regelmäßig geschoren zu werden. Ein Beispiel was passiert, wenn es unterbleibt, ging im letzten Jahr durch die Presse, als ein australisches Merino-Schaf gefangen wurde, dass sich mehrere Jahre der Schur entzogen hatte und nun unter der Last seiner Wolle kaum noch laufen konnte... Bei der Verwendung von Fasern aus dem Fell bleiben die Tiere gewöhnlich am Leben und können viele Jahre als Faserlieferanten dienen. Ausnahmen dürften die in historischer Zeit auch verwendeten Haare von Wildtieren wie Dachs und Reh sein, die vermutlich von erlegten Tieren stammen. Fellfasern sind in der Regel relativ kurz. Selbst durch gezielte Auslese bei bestimmten Schafen oder Hunden, werden Längen von 20 cm nur selten überschritten. Das Langhaar (Mähne und Schweif) kann bei bestimmten Tieren, z.B. Pferden zwar deutlich länger werden, überschreitet aber auch nur im Ausnahmefall Längen von 1 m. Durch seine höhere Festigkeit und besonders starre Struktur, kann Langhaar aber nicht mit normalem Fell verglichen und wie dieses eingesetzt werden, fand aber trotzdem Verwendung zu textilen Arbeiten. Fasern aus speziellen Drüsen kommen bei anderen Tiergruppen vor, sicherlich  jedem aus eigener Erfahrung gut bekannt sind die Netze der Spinnentiere, die jedoch als Faserlieferanten so gut wie keine Rolle spielen, entsprechende Versuche ihrer Nutzung wurden schnell wieder aufgegeben. Genutzt werden dagegen die Fasern bestimmter Insekten (Schmetterlinge) und Weichtiere (Muscheln), die für die Tiere ganz unterschiedliche Funktionen haben. Die Raupen der Schmetterlinge produzieren einen „Endlosfaden“, der mehrere Kilometer lang sein kann. Aus diesem bauen sie einen Kokon zu ihrem Schutz während ihrer Verwandlung in den Schmetterling. Zur Gewinnung der Kokons werden die Raupen abgetötet. Muscheln dagegen benutzen den sogenannten „Bart“, den man auch von den Speisemuscheln kennt, zum Anheften auf den Untergrund, da Muscheln, wenn sie erwachsen werden, sesshaft werden. Meist ist er sehr kurz, die Länge hängt vom Untergrund ab auf dem die Muschel leben will. Um den Bart zu gewinnen, werden die Tiere bislang ebenfalls getötet, man hofft jedoch irgendwann schonendere Verfahren finden zu können. Genutzt werden nur wenige Arten aus diesen Tiergruppen. Die Fasern können auf verschiedene Arten verwendet werden. In der Regel werden sie versponnen, um lange Fäden zu erhalten, die man dann in vielen Techniken weiterverarbeiten kann. Allerdings kann die Seide auch als besonders kostbare „Haspelseide“ verwendet werden, d.h. einige Kokons werden gleichzeitig  I. Ottich [ed.]: Ein Buch von alten Fasern. 2. erweiterte Auflage, 2006. 73 abgehaspelt (also abgewickelt) und die lange Fasern werden ohne weiteres Verspinnen verwendet. Auch Schweifhaare von z.B. Pferden oder auch Kühen können aufgrund ihrer Länge ohne gesponnen zu werden für bestimmte Arbeiten, z.B. zum Nähen, verwendet werden. In anderen Fällen sind die Fasern zu kurz und zu glatt und halten deswegen nicht als Fasern zusammen. Sie werden entweder nur in der Mischung mit anderen versponnen oder sie können zu Filz verarbeitet werden, z.B. Rehhaar. Das Filzen ist aber auch eine Methode zur Verarbeitung fast aller anderen Fasern. Zuletzt können auch Tierhaare, wie viele Pflanzen, ohne weitere Verarbeitung als Füll- und Stopfmaterial verwendet werden, da viele von ihnen hervorragende Isolationseigenschaften besitzen. Dafür verwendet man in der Regel Fasern minderer Qualität. Zu diesem Zweck besonders gut geeignet sind auch die Federn verschiedener Vogelarten. Federn lassen sich nicht verspinnen, können  jedoch in Effektgarnen mit eingesponnen sein. Sie können für viele andere Zwecke verwendet werden (Schreibfedern, Pfeile, Schmuck...) fallen jedoch ansonsten nicht in den engeren Bereich der Fasern, weil man sie nicht wie die anderen verarbeiten kann. Als Füllmaterial sind sie jedoch vielen anderen Fasern weit überlegen, da sie ein geringeres Gewicht, aber hervorragende isolierende Eigenschaften haben. Lediglich Pfauenfedern werden zusammen mit Seide zu besonders kostbaren Stoffen, der sogenannten Pfauenseide, verwebt. 3.1 Schafe Schafe gehören zu den vielseitigsten und ältesten Haustierarten. Man darf jedoch nicht davon ausgehen, dass die heutige Nutzungsvielfalt – Schafe liefern Wolle, Fleisch, Milch, Felle, Talg, Därme und werden in der Landschaftspflege eingesetzt – den ersten Schafhaltern zur Verfügung gestanden hat! Zunächst waren Schafe nichts anderes als Fleischlieferanten, die ein brauchbares Fell lieferten, wie andere Tiere auch. Sie gaben nicht mehr Milch als ihre Lämmer benötigten. Vermutlich begannen Menschen damit Tiere in ihrer Nähe zu halten, um sich in Notzeiten zu versorgen. Dabei durften die Tiere zunächst nicht zu gefährlich oder zu groß sein, auch eine direkte Nahrungskonkurrenz war unerwünscht 144 . Das Schaf einscheint daher als geradezu perfektes Haustier. Heute noch sind Schafe neben Rindern weltweit die häufigsten Haustiere. Bis heute ist die extensive Haltung von Schafen üblich. Sie sind sehr anpassungsfähig und vielseitig nutzbar. Ihre Anpassungsfähigkeit erklärt auch die große Rassenvielfalt: In  jeder Region haben sich die Schafe im Laufe von Generationen an die spezielle Witterung, die Böden und die Nahrung eingestellt. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dieser Anpassungsfähigkeit sind die Schafe von North Ronaldsay, die sich hauptsächlich von Algen ernähren 145 . Es gibt viele regionalspezialisierte Rassen und auf extremeren Standorten können oft auch keine anderen Rassen gehalten werden. Literatur North Ronaldsay Sheep Fellowship: North Ronaldsay Sheep Breed Description. URL: http://nrsf.moonfruit.com/ Sambraus, H.H.: Atlas der Nutztierrassen. Ulmer, 4., erw. Aufl. 1994. 144  Sambraus S. 15 145  http://nrsf.moonfruit.com/  I. Ottich [ed.]: Ein Buch von alten Fasern. 2. erweiterte Auflage, 2006. 74 3.1.0 Domestikation des Schafs (von U. Büttner) Vor etwa 10.000 Jahren wurden im Vorderen Orient, wahrscheinlich in Anatolien, die ersten Schafe domestiziert. Diese gelangten dann in den folgenden Jahrtausenden zusammen mit anderen Haustieren und der Erfindung des Ackerbaus in unsere Breiten. Die ersten Ackerbauern und Viehzüchter in Deutschland waren die Träger der sogenannten linearbandkeramischen Kultur um 5500 v. Chr. Mit ihnen endet die Zeit der Jäger und Sammler. Diese Ackerbauern brachten Schafe und Ziegen mit nach Mitteleuropa, wobei anhand der Knochenfunde eine sichere Unterscheidung von Schaf und Ziege oft nicht möglich ist. Der Prozess der Domestikation wird vom Menschen gesteuert, in dem er Tiere mit speziellen und erwünschten Eigenschaften zur Zucht auswählt. Dadurch verändert sich im Laufe der Generationen der Genpool dieser Tiere, so dass eine neue Art entstehen kann. Wann genau der Übergang vom Wildtier zum domestizierten Haus- oder Nutztier stattfindet, ist nicht festzulegen. Ein gezähmtes Tier ist nur ein an den Menschen gewöhntes Wildtier, ein domestiziertes Tier dagegen unterscheidet sich auch genetisch von der ursprünglichen Wildform. Abb. 3.1-1: Ovis musimon   (aus: Brehms Tierleben in zehn Bänden, 2. Auflage von 1882 bis 1887). Wilde Schafe ( Ovis orientalis  , Ovis ammon  146 ) existieren erfreulicherweise heute noch in verschiedenen Unterarten z.B. im Kaukasus, im nordwestlichen Iran, im Nord-Irak (= armenisches Wildschaf, O.o. gmelinii  ) und auf Zypern ( O.o. ophion  ), Korsika und Sardinien ( O. o. musimon  ). Wilde Schafe werden gelegentlich als Mufflon bezeichnet, meist ist dann jedoch die korsisch-sardische Unterart gemeint. 146  Zur Taxonomie: Ordnung der Paarhufer (Artiodyctyla), Unterordnung der Wiederkäuer (Ruminantia), Familie der Hornträger (Bovidae), Unterfamilie der Ziegenartigen (Caprinae), Gattung der Schafe (Ovis), Art Wildschaf (Ovis orientalis). Es gibt was die Taxonomie angeht unterschiedliche Meinungen, mehr Infos zur Systematik unter http://www.genres.de/IGRREIHE/IGRREIHE/DDD/284.pdf   Vgl. auch Beitrag: Hausrind.  I. Ottich [ed.]: Ein Buch von alten Fasern. 2. erweiterte Auflage, 2006. 75 Es gibt weitere wilde Schafarten in Nord- und Zentral-Asien, bei denen es noch unklar ist, ob es sich um Unterarten von Ovis orientalis   handelt, oder um eigene Arten. Zudem gibt es weitere Arten in Nord-Amerika ( Ovis canadensis  ) und Ost-Sibirien ( Ovis vignei  ) 147 . Bis heute hat der Mensch aus diesen Urformen viele verschiedene domestizierte Schaf-Arten gezüchtet, wobei häufig der Fleisch- oder Milchertrag, manchmal aber auch die Wollqualität im Vordergrund stand. Wann der Mensch begann bei der Domestikation des Schafes darauf zu achten, dass Schafe mit viel Wolle und wenig groben Haaren gefördert wurden, ist nicht ganz sicher. Hier ist das Problem die archäologische Überlieferung. Zum einen ist es nicht immer möglich anhand von Knochenfunden Schaf und Ziege zu unterscheiden. Zum anderen kann man zwar unter Umständen anhand von Schafknochen erkennen, ob es sich um domestizierte Schafe handelte oder nicht, allerdings sagt dies nichts über die Art des Haarkleides aus. Dazu braucht man Funde von Wolle, und die sind selten. Wie alle organischen Materialien erhält sich Wolle nur unter besonderen Bedingungen. Während eine Pfeilspitze aus Feuerstein sich praktisch in jedem Boden auf Dauer erhält, muss bei organischen Funden auf irgendeine Weise der natürliche Fäulnisprozess unterbrochen werden, damit sie sich erhalten können. Da Bakterien Feuchtigkeit und Luftsauerstoff zum Zersetzten ihrer organischen Nahrung brauchen, ergeben sich folgende Möglichkeiten zum langfristigen Erhalt von Wolle: 1. Fehlende Feuchtigkeit: als Beispiel wären die Textilfunde in Gräbern in der ägyptischen Wüste zu nennen, oder die chinesischen Mumien aus der Tarim-Region, die u.a. Filzhüte trugen. 2. Fehlender Sauerstoff: als Beispiele wären hier die nordeuropäischen Baumsärge der Bronzezeit zu erwähnen, in denen sich wollene Kleidung erhielt, und die durch sog. Ortsteinbildung luftdicht abgeschlossen waren, oder die Faserfunde in den Pfahlbausiedlungen des Bodensees (hier erhielt sich aber aufgrund des alkalischen Milieus der Seekreide-Schichten nur Leinen; eventuell vorhandene Wolle wäre/ ist zersetzt worden). 3. Die Erhaltung in Eis (wie bei Ötzi oder in den skythischen Hügelgräbern des Altai-Gebirges). 4. Ein Sonderfall ist die Erhaltung organischer Substanzen in Bereichen, die für Bakterien giftig sind, z.B. in der Nähe von Metallgegenständen (und den durch Oxidation entstehenden Metallsalzen) oder in stark salzigen Bereichen (Salzbergwerk von Hallstatt). Sehr alte Funde von Schafknochen in archäologischem Zusammenhang gibt es z.B. um 9000 v. Chr. im nordöstlichen Irak in Zawi Chemi Shanidar. Die Knochen zeigen keine morphologischen Veränderung, so dass sich die Vermutung, es könne sich um domestizierte oder gezähmte Tiere handeln, nur auf indirekte Hinweise stützen. 148  Auch in den Ausgrabungen in Jericho, der „ältesten Stadt der Welt“ finden sich Schafknochen, die aus dem Zeitraum zwischen 8000 und 7000 v. Chr. stammen. Auch hier lassen sich an den Knochen noch keine Merkmale einer Domestikation aufzeigen. Morphologische Änderungen sind ab dem 6. bis 5. Jahrtausend v. Chr. nachweisbar: es gibt mehr hornlose Weibchen und eine Verkürzung der Gliedmaßen tritt auf (Clutton-Brock 1981, 56-57). Eventuell gab es schon im sechsten Jahrtausend vor Christus Schafe mit einem Wollkleid, im iranischen Tepe Sarab 147  Die Angaben, ob es sich um Arten oder Unterarten handelt schwanken je nach Quellenangabe. Der Artikel über  Wildschafe auf wikipedia ( http://de.wikipedia.org/wiki/Wildschaf  ) zählt sie als Unterarten auf, also der Name des europäischen Schafes lautet hier Ovis orientalis musimon, dagegen nennt es Clutton-Brock Ovis musimon (J. Clutton-Brock, Domesticated animals from early times, London 1981,53). 148  Die geographische Lage des Fundortes stimmt nicht mit dem natürlichen Lebensraum des Wildschafes überein, und die Alters-Zusammensetzung der getöteten Tiere entspricht nicht der Zusammensetzung, wie sie nach einer Jagd zu erwarten wäre (Clutton-Brock 1981, 56).
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